Der schizophrene Umgang der Stadt Wien mit meinem Solarzwerg

Es wäre ja zu leicht gewesen. Gestern habe ich das OK von den Wiener Netzen bekommen, dass mein Solarzwerg in Ordnung ist und – wenig überraschend – keine Auswirkungen auf das Stromnetz erwartet werden. Anschließen darf ich meinen Zwerg aber nicht, denn dann würde ich gegen das Wiener Elektrizitätswirtschaftsgesetz verstoßen.

Wenn man sich dieses Wunderwerk österreischischer Energiepolitik als entspannende Sofa-Lektüre reinzieht, liest man einleitend im ersten Paragraphen:

Ziel dieses Gesetzes ist es, der Bevölkerung und der Wirtschaft elektrische Energie umweltfreundlich, kostengünstig, […], sicher und in hoher Qualität zur Verfügung zu stellen und die Weiterentwicklung der Elektrizitätserzeugung aus erneuerbaren Energiequellen zu unterstützen und den Zugang zum Elektrizitätsnetz aus erneuerbaren Quellen zu gewährleisten.

Fast könnte man meinen, das Gesetz wurde speziell fûr meinen Solarzwerg verfasst. Nun haben die stadteigenen Wiener Netze einen langen Weg vor sich, bis man von Unterstützung von Erneuerbaren beim Netzzugang sprechen kann. Die bisherige Erfahrung zeigt eher ein Bremsen und Schikanieren meines Solarzwerges. Das Gesetz bringt im fünften Paragraphen dann gleich selbst noch eine Absurdität mit:

Die Errichtung […] und der Betrieb einer […] Erzeugungsanlage bedürfen einer elektrizitätsrechtlichen Genehmigung.

Im Klartext heißt das, dass ich von der Magistratsabteilung 64 (MA 64) ein neues Formular brauche und einen Genehmigungsantrag stellen muss. Die Dame am Telefon war äußerst höflich und hat mich auf die Homepage der Stadt Wien verwiesen, wo ich mir ein Antragsformular herunterladen konnte.

Es wird noch bizarrer: Auf dem Antragsformular der MA 64 muss mein Vermieter als Grundstückseigentümer mit seiner Unterschrift bestätigen, dass er mir meinen Solarzwerg erlaubt. Ob ich ihm sicherheitshalber auch gleich offiziell melde, dass ich eine Waschmaschine besitze? Was, wenn es mehrere Grundstückseigentümer gibt, z.B. in Genossenschaften? Toll, wie der Gesetzgeber mit solchen Vorgaben den raschen Ausbau Erneuerbarer Energien fördert!

Und wieder auf zu den Formularen.

Formularkrieg der Stadt Wien

Formularkrieg der Stadt Wien

Rechnet sich mein Solarzwerg?

Eine der häufigsten Fragen zu Solaranlagen ist, ob sie sich rechnen. So fragt auch Mario Sedlak in einem Kommentar unter einem Beitrag. Solaranlagen werden überwiegend als Investitionsgut gesehen, auch wenn sie nur mehr aus einem einzigen Modul bestehen und wenige Hundert Euro kosten. Um die Rentabilität festzustellen kann man mehrere Ansätze wählen.

Den betriebswirtschaftlichen Nutzen ermittle ich mit meiner letzten Stromrechnung. Wenn ich alle Fixkosten herausrechne, bezahle ich derzeit 20.55 ct/kWh inkl. Mehrwertsteuer. Ich weiß, dass es günstiger ginge, aber ich habe bewusst den premium Tarif gewählt. Der Solarzwerg macht auf meinem Balkon mit der dortigen Sonneneinstrahlung voraussichtlich 40 EUR pro Jahr. Auf Modul und Wechselrichter gibt es 25 Jahre Garantie, was ich als Lebensdauer annehme. Für ein Elektrogerät ist das relativ lange. Bei meinen bisherigen Kosten von 450 EUR bin ich bei statischer Rechnung nach 12 Jahren im Grünen. Langsam beginnt aber die Bürokratie, die Wirtschaftlichkeit zu dehnen. Noch immer habe ich keine Rückmeldung vom Netzbetreiber. Ich bin trotzdem überzeugt, dass ich hier gut investiere.

Ob sich Solaranlagen volkswirtschaftlich rechnen, weiß ich nicht mit Sicherheit, aber davon gehe ich aus. In der Volkswirtschaftslehre berücksichtigt man mittlerweile externe Kosten wie Abgase, aber auch externen Nutzen, wie sauberes Wasser. Ökonomen dürfen jedoch annehmen, dass saubere Seen in 20 Jahren weniger wert sind als heute. Gleichzeitig dürfen sie annehmen, dass ein Atommülllager uns in 20 Jahren weniger kostet als heute. Die Annahme: Wenn morgen die Welt untergeht, dann wären wir ja dumm gewesen, nicht heute schon alles zu vergiften. Zum Entwerten in der Zukunft gibt es die sogenannte Diskontierungsrate. Nimmt man für sie 3,5% ist z.B saubere Luft in Wien nach 20 Jahren nur mehr die Hälfte wert, mit 8% nur mehr ein Fünftel, usw. So wird unter anderem der Preis für Verschmutzungsrechte ermittelt. Wie hoch nimmt man nun die Diskontierungsrate an? Wie viel sollen jene zahlen, die ihren Müll der Allgemeinheit aufhalsen? Kann man jeden Schaden bezahlen?

Erstaunt hat mich, dass die Ökonomen der Internationalen Energie Agentur (IEA) es für möglich halten, dass sich durch einen weltweiten Umstieg von Fossile auf Erneuerbare bis 2050 über 115 Billionen Dollar Brennstoffkosten einsparen lassen. Vorausgesetzt man investiert als Gesellschaft über 1,2 Billionen Dollar jährlich in den Umbau. Für das Geld könnte man ziemlich viele Solarzwerge installieren.

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Meine Stromrechnung