Wie die Normung aus großen Kuchenstücken kleine Krümel macht

Nachdem sich die Lage in Österreich etwas entspannt hatte und die Emotionen zum Solarzwerg abgekühlt waren wiederholte sich die Geschichte in Deutschland. Solarzwerge seien in Deutschland verboten und gefährlich. Das wird dies damit begründet, dass Solarzwerge gegen deutsche Normen verstoßen. Die Jungs von Greenpeace Energy halten ihre Solarzwerg-Erfahrung mit einem Hamburger Netzbetreiber in einem Blog fest. Durch das simon.energy Projekt wurde in Deutschland die Diskussion zum Thema wieder angeheizt.

Deutsche und österreichische Elektrotechnik sind sich historisch bedingt äußerst ähnlich. Es gibt also keinen Grund anzunehmen, dass mein Solarzwerg bei den Nachbarn plötzlich gefährlich ist. Aufs Neue muss eine veraltete Norm geändert werden, um nicht immer wieder von Netzbetreibern oder „Experten“ gequält zu werden. Die sprechen immer noch davon, dass Solarzwerge wegen Normungsverstößen verboten seien. Was ist dann eigentlich mit den über 10.000 Nutzern, die es in Deutschland bereits gibt? Sind das jetzt alles Verbrecher? Was soll man mit all den Kriminellen eigentlich machen?

Wenn man davon ausgeht, dass Solarenergie zum Selbermachen etwas Gutes ist, dann könnte man den normativen Graubereich relativ einfach im Sinne einer soliden, öffentlichen Mehrheit regeln. Eine Möglichkeit ist z.B. das Anpassen einschlägiger VDE-Normen. Wer aber macht eigentlich solch eine Norm? Der VDE ist als Verein organisiert und verfügt über relativ umfangreiche Strukturen zu allerlei Themen. Gruppen von Experten tagen regelmäßig zu den verschiedensten technischen Anwendungsbereichen, besprechen Änderungen, diskutieren neueste Erkenntnisse und wie diese in Normen einfließen können. Herrscht in einer Gruppe zu einem neuen technischen Standard Einigkeit, wird dieser in der Norm verankert. Grundsätzlich ist es sehr begrüßenswert, dass man sich über Standards und Sicherheit ernsthafte Gedanken macht. „German Engineering“ als weltweiter Exportschlager hat ja seinen Ruf nicht von irgendwoher.

Nun hat die Sache jedoch einen Haken. Im Unterschied zu gewählten Volksvertretern ist es nicht transparent, wie man Teil eines Normungsausschusses wird, oder wie dieser über Inhalte abstimmt. Es handelt sich um geheime Sitzungen hinter verschlossenen Türen. Normen sind in der Regel nicht öffentlich einsehbar, sondern müssen gekauft werden. Deshalb ist es äußerst bedenklich, wenn der Verstoß einer Norm von Netzbetreibern als Verbot gedeutet und auch so kommuniziert wird. Dann würde nämlich ein Normungsausschuss über Ge- und Verbote bestimmen, ohne dass er jemals von der Bevölkerung gewählt wurde. Umso bedenklicher ist es, wenn der Eindruck entsteht, dass Normungsausschüsse sich nur aus Konzernvertretern zusammensetzen, die bewusst Änderungen an Normen herbeiführen, um eigene wirtschaftliche Interessen durchzusetzen. Gegen jede Vernunft oder öffentliches Interesse. Am Solarzwerg lässt sich dieses Spiel wieder eindrucksvoll veranschaulichen.

Nun wird in den Normungsausschüssen endlich diskutiert, den Wildwuchs an steckfertigen Solarsystemen in geordnete Bahnen zu lenken. Aber halt! Ein Vorschlag lautet, dass es keine herkömmlichen Stecker sein dürfen, sondern Solarzwerge sollen mit einer Sondersteckvorrichtung ausgestattet werden. Für den Anwender hätte dies zur Folge, dass nur ein Fachmann diese Sonderstecker beziehen, montieren und anstecken kann. Wo ist der objektive, sicherheitsrelevante Sinn hinter so einem Vorschlag, der den Anschaffungspreis eines Solarzwergs verdoppelt? Es würde keine 3 Tage dauern bis es auf Amazon einen Adapterstecker zu kaufen gibt, mit dem man einen Sonderstecker erst recht wieder in eine normale Steckdose einstecken kann. Und das wäre dann wieder nicht normen-konform und es kennt sich wieder keiner aus. Eine Sondersteckvorrichtung in der Norm zu verankern wäre alles andere als effektiv.

Wozu also die mühsame Lösung wenn es auch einfach ginge? Zufälligerweise sitzen eine Hand voll jener Vertreter im betroffenen Ausschuss, die für jene Firmen arbeiten, die Sonderstecker produzieren. Und die Elektriker stimmen dem Vorschlag wohlwollend zu, weil die ja dann diejenigen sind, die Sondersteckdosen installieren wollen. Und die Netzbetreiber sind auch dankbar. Weil solch eine Lösung natürlich keine Sau zahlt sind sie den einzigen Stromerzeuger los, mit dem man auch Netzgebühren einsparen kann. Nachdem eine neue Norm abgenickt wurde sind alle zufrieden und glücklich, jetzt bekommt in der Theorie jeder ein Stück vom Kuchen! Ob das für den Käufer sinnvoll ist oder nicht, egal! Dass der Käufer plötzlich den doppelten Betrag für einen Solarzwerg zahlen soll? Na es geht doch um die Sicherheit!

Die Konsequenz bleibt weiterhin: Jene, die es einfach haben wollen, werden es sich auch auf einfache Art besorgen. Auspacken, aufstellen, anstecken. Niemand kann sie daran hindern. Käufer und Anbieter werden von den zuständigen Normungsgremien im Stich gelassen und müssen unnötige Haftungsfragen auf sich nehmen. Jene, die den „geregelten“ Weg gehen wollen warten ab, weil es sich nicht lohnt, den doppelten Preis für einen Solarzwerg zu bezahlen. Damit lässt man auch ein Stück Energiewende liegen. Und für die Wirtschaftsvertreter in den Normungsausschüssen ist es am Ende ebenfalls ein Schuss ins Knie. Aus dem erhofften Kuchenstücken fallen dann nur ein paar Krümel ab. So wird am Ende niemand satt.

Wie schon John le Carre zitiert wird:

A desk is a dangerous place from which to view the world

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