Das Solarzwerg Experiment geht in die nächste Runde

Vor mehr als zwei Jahren hat mein Experiment mit einer Frage begonnen:

Wie sehr wird man in Österreich daran gehindert, die Umwelt mit selbst produziertem Ökostrom zu entlasten?

Was als Hobby begann, ist zu einer Berufung geworden. Mein erster Solarzwerg war noch eine ziemliche Bastelei, abgesehen von der Bürokratie. Mit der unglaublichen Unterstützung durch das grandiose Team der oekostrom AG haben wir dann das Projekt simon.energy durchgezogen: Wir haben ein stylisches Balkonkraftwerk entwickelt und es geschafft, den Zugang solcher Geräte zum Stromnetz zu vereinfachen. Danke an der Stelle an den ehrenwerten Michael Galhaup, der mir immer den Rücken frei gehalten und niemals die Geduld mit Anwendern, Netzbetreibern und mir verloren hat.

Man wird zwar nicht aktiv daran gehindert, die Umwelt mit selbst erzeugtem Ökostrom zu entlasten. Niemand kann mich daran hindern, meinen Solarzwerg auf den Balkon zu hängen und in die Steckdose einzustecken, solange ich niemanden dadurch gefährde. Dass die Politik, die Behörden, die Netzbetreiber und die etablierten Interessensverbände so agieren, wie sie es getan haben, ist jedoch ein gravierendes Problem für die Energiewende. Wenn man schon wegen Solarzwergen so herumtut mag man sich gar nicht vorstellen, wie man an die großen Probleme herangeht. Die etablierten Strukturen wurden rund um eine fossile und/oder zentralistische Energiewirtschaft gebaut. Die Solarenergie braucht aber eine dezentrale, flinke und flexible Struktur. Der Umbau der Netze erfordert sehr viel harte Arbeit. Die Netzbetreiber, Behörden und Interessensverbände können aber aus ihrer Haut nicht heraus. Sie sind Monopolisten, die es seit mehr als zwei Generationen gewohnt sind, sich exklusiv um die Energieversorgung zu kümmern. Man kann sich nicht plötzlich auf viele dezentrale Erzeuger einstellen. Und man will es auch gar nicht.

Dabei findet die Mehrheit der Menschen das Konzept des Solarzwergs toll: Auspacken, aufstellen, einstecken. Da gibt es eine Nachfrage, das interessiert die Menschen. Was die Unterstützer von Solarzwergen in der Regel aber nicht wollen ist Stress. Wenn man einen Solarzwerg kauft und im Anschluss der Netzbestreiber schreibt das sei verboten und gefährlich, fühlt man sich betrogen. Der Großteil der Menschen will sich nicht mit Netzbetreibern auf Rechtssteitigkeiten einlassen, nicht einmal dann, wenn der Netzbetreiber eindeutig im Unrecht ist. Und selbst wenn man nach jahrelanger Debatte einen Konsens zum Solarzwerg gefunden hat: Kaum baut man eine Batterie ein, geht die ganze Diskussion wieder von vorne los und so wird es dann mit jeder Innovation am Stromnetz ablaufen. Innovationen,  die zum Wegkommen von Fossilen dringend notwendig sind.

Während meiner Tätigkeit beim WWF International durfte ich die Extremschwimmerin Mimi Hughes kennenlernen. Auf die Frage, wie sie mit Hindernissen umgeht hat sie geantwortet, dass man einfach um sie herumgeht. Wenn es also nicht mit den Netzbetreibern geht, muss man eben an ihnen vorbeigehen. Den Vorteil der Solarenergie ist, dass die Sonnenstrahlung ohnehin kabellos funktioniert. Vermutlich kann ich mich nicht das ganze Jahr über mit Balkonkraftwerken versorgen so wie ich es jetzt von der herkömmlichen Versorgung gewohnt bin. Aber wie autonom kann ich mich jetzt eigentlich schon machen? In welchen Bereichen kann man sich jetzt schon von der destruktiven und einfallslosen Maschinerie lösen? Wie schwierig ist das und wie alltagstauglich?

Das Solarzwerg-Experiment geht daher in eine neue Runde. Wie leicht funktioniert eine autonome Energieversorgung für die häufigsten elektrischen Anwendungen?

Design Strommasten - Quelle: http://www.ribapylondesign.com/

Ließe sich ein Design Strommast mit der Kreativität unserer Netzbetreiber umsetzen?- Quelle: http://www.ribapylondesign.com/

Streitschlichtung?

Man muss ja nicht immer einer Meinung sein. Ich vertrete z.B. die Meinung, dass Solarzwerge harmlos sind und technisch betrachtet nichts dagegen spricht, dass ich meinen Solarzwerg in Betrieb nehme. Obendrein ganz ohne Genehmigungen und Pflanzerei durch Netzbetreiber und Behörden.

Die Wiener Netze vertreten dagegen die Meinung, dass Solarzwerge total gefährlich sind und man lieber erst gar keinen haben sollte. Weil wenn das jeder machen würde, dann wäre das ganz schlimm.

Wenn man mit seinem Netzbetreiber nicht einer Meinung ist, kann man sich an die Streitschlichtungsstelle der e-control wenden. Diese sollte in der Regel den Streit schlichten.

Ich übermittelte der e-control meine Meinung und habe um Schlichtung des Streits gebeten. Als Antwort erhielt ich, dass der Streit wegen unklarer Zuständigkeit grundsätzlich schwer zu schlichten sei, man sich aber der Meinung des Netzbetreibers anschließe and ich mehrere Tausend Euro in die Sanierung von allgemeinen Elektroinstallationen stecken müsse, die sich nicht einmal in meiner Wohnung befinden. Das stehe leider so im Elektrotechnikgesetz (ETG). Zusammen mit meinen oekostrom-Kollegen haben wir die entsprechende Gesetzesstelle gesucht. Natürlich haben wir im ETG nichts gefunden, was ich die e-control wissen ließ. Als neue Stellungnahme erhielt ich daraufhin, dass man eigentlich keine Meinung abgeben könne aber man sich trotzdem der Meinung des Netzbetreibers anschließe. Sollte ich damit nicht einverstanden sein, könne ich mich an das Wirtschaftsministerium wenden.

Dort suche ich derzeit nach einer oder einem Zuständigen.

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Mein Zwerg, der Feind des Netzbetreibers

Da hilft nichts. Sonnenstromanlagen sind das Übel für die Wiener Netze.

Es beginnt damit, dass die Wiener Netze nicht auf meine Anfrage vorbereitet sind. Da Sonnenstromanlagen nur seit diesem Jahrtausend im Rekordtempo errichtet werden, kann mir erst die sechste Person mit der ich verbunden werde eine Auskunft geben. Diese entspricht fast wortgleich dem Kommentar von Ernst August unter dem Beitrag „Der Beginn„. Zuerst droht mir der Techniker und dann prophezeit er mir Tod, Netzzusammenbruch, Abertausende Euro Strafe und so weiter.

Nur ein konzessionierter Elektriker darf einen Solarzwerg melden. Da die Wiener Netze in ihrer Parallelwelt leider noch kein Internet nutzen, muss der Elektriker ein Antragsformular mit fünf Durchschlägen, fünf Seiten Beilagenformulare, eine Technische Planung und eine Konformitätserklärung des Wechselrichters einreichen. Man stelle sich vor, so etwas muss man machen, bevor man einen Kühlschrank ansteckt.

Nun hat ein Netzbetreiber eine besondere Rolle, die man als Natürliches Monopol bezeichnet. Es gibt nur den einen für meine Wohnung. Die besondere Verantwortung des Netzbetreibers liegt darin, allen Teilnehmern die selben Chancen zu gewähren. Die Kosten, die mir der Netzbetreiber verrechnet sind gesetzlich festgelegt und können von mir nicht verhandelt werden. Über meine Stromrechnung erhält der Netzbetreiber rund ein Drittel meiner Stromzahlungen, was mich zum Kunden macht. Die Wiener Netze sind darüber hinaus in öffentlichem Eigentum, was uns alle zu deren Eigentümern macht. Wessen Interessen vertritt der Netzbetreiber eigentlich noch?

Führt mein Solarzwerg im Wiener Netz zu einem Blackout und gefährde ich damit die Bevölkerung? Laut Oesterreichs Energie betrug die im Jahr 2012 erzeugte Strommenge 72.400 GWh. Mein Zwerg erzeugt ca. 0,0002 GWh. Wenn ich damit Probleme im Netz verursache, haben wir in Österreich ein ernsthaftes Sicherheitsproblem. Selbst wenn alle 3.000.000 Haushalte in Österreich einen Solarzwerg wie meinen anschließen, ergibt das mit 600 GWh nur 0,8% der Erzeugung. Betrachtet man auch die installierte Kraftwerksleistung von ca. 21.000 MW würden alle 3.000.000 Solarzwerge mit 600 MW nur 2,8% ausmachen. Ein Stromnetz muss das verkraften können.

Ob die Art, wie mein Solarzwerg geprüft wird nicht ein wenig übers Ziel hinaus schießt, frage ich den Techniker am Telefon. „Das sind die Regeln. Basta“. Ein Schuss mit der Bürokratie-Kanone auf den Zwerg. Na dann auf zu den Formularen.

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Erstkontakt mit dem Netzbetreiber

Meine Wohnung ist mit dem öffentlichen Stromnetz verbunden. Wenn wir nicht zu Hause sind und mein Solarzwerg mehr produziert, als in der Wohnung gebraucht wird, kann sauberer Strom zurück ins öffentliche Netz fließen. Dieser wird dann von Nachbarn genutzt. Es ist OK, wenn der Netzbetreiber wissen möchte, wie viel Strom ich in sein Netz schicke.

Da auf der Webseite der Wiener Netze mein Anliegen nicht auffindbar ist, wollte ich die Sache telefonisch klären. Dokumentiertes Ergebnis:

  • Erstanruf endet mit 20min Warteschleife. Bin nicht sicher, ob das normal ist, daher versuche ich es erneut.
  • Beim Zweitanruf gebe ich bekannt, dass ich bereits 20min in einer Warteschleife hängen geblieben bin. Die freundliche Vermittlerin bietet höflich an, mit mir „zusammen“ bei der Dienstelle im 21. Bezirk anzurufen. Was auch immer sie damit gemeint hat. Sie legt mich wieder auf ein Tonband. Nach weiteren 20min lege ich auf und beschließe, erneut anzurufen.
  • Beim dritten Anruf bin ich hörbar angefressen. Ich teile der Dame an der Vermittlung mit, dass ich 40min in einer Warteschleife verbracht habe. 40min meines Lebens, die ich nie wieder zurück bekomme. Die Dame entschuldigt sich höflich, sagt, sie kann die Anwesenheit Ihrer KollegInnen nicht feststellen und bittet mich in vier Tagen wieder anzurufen.

Fortsetzung folgt.